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Der tibetische Buddhismus im Westen

Geshe Jampel Senge

Der tibetische Buddhismus im Westen befindet sich noch im Anfangsstadium, findet aber allmählich Verbreitung. Zuweilen hat er mit mangelnden Finanzen oder Gefahren wie Sektierertum zu kämpfen. Auf der anderen Seite können gerade von Klöstern im Westen wie dem Tibet-Institut positive Impulse ausgehen.

Als ich 2004 im Klösterlichen Tibet-Institut in Rikon mit meinen buddhistischen Belehrungen begann, sass mir eine einzige Person gegenüber. Jacques Kuhn, dem damaligen Direktor des Instituts, musste diese Situation sehr peinlich gewesen sein. Denn sofort rief er einige der anwesenden Mönche herbei, um die Situation würdiger aussehen zu lassen!
Diese Erfahrung ist typisch. Obwohl wir oft hören, dass unter allen Religionen der Buddhismus im Westen am meisten Zulauf findet, ist es fraglich, wie schnell diese Religion sich ausbreitet und ob sie wirklich die populärste ist. Denn sowohl mein eigenes Zentrum Tashi Choeling im australischen Perth wie auch die tibetisch-buddhistischen Zentren in der Schweiz scheinen mit ihren spärlichen Mitteln ums Überleben zu kämpfen. Ich habe in Australien, Neuseeland, Griechenland sowie in der Schweiz unterrichtet und habe zahlreiche tibetisch-buddhistische Zentren besucht. Die meisten können sich keine eigenen Lehrer leisten und müssen sich oft, abgesehen von seltenen Besuchen von buddhistischen Lehrern, mit Tonbändern begnügen, die sie von ihren weit entfernten Hauptzentren erhalten.
Der thailändische, der burmesische und der chinesische Buddhismus scheinen mehr zu florieren als der tibetische. Sie haben auch im Westen ihre eigenen Tempel oder Klöster mit ansässigen Mönchen oder Nonnen und mit praktizierenden Laien. Wahrscheinlich unterstützt die lokale thailändische, burmesische oder chinesische Bevölkerung diese Klöster in grossem Mass, zumal diese ethnischen Gruppen weit zahlreicher sind als die Gesamtheit aller Tibeter und Tibeterinnen. Das soll nicht heissen, dass tibetische Buddhisten keine Tempel oder Klöster im Exil haben, es gibt einige davon.

Die vier Traditionen
Das Tibet-Institut in Rikon ist eines der ersten und wichtigsten Klöster im Westen. Es unterscheidet sich von den anderen Klöstern, weil nur hier Mönche aller vier grossen Schulen des tibetischen Buddhismus vertreten sind. Sie leben in Harmonie, studieren und üben ihre Religion gemeinsam aus. Das war nicht immer möglich, denn früher gab es unter den vier grossen Schulen manchmal Konflikte, die zum Teil von den Tibetern selbst, zum Teil auch durch die Interessen fremder Mächte ausgelöst wurden. Heute, im Exil unter der Führung Seiner Heiligkeit des Dalai Lama Tenzin Gyatso, des unbestrittenen geistigen und weltlichen Oberhaupts des tibetischen Volkes, haben die vier Traditionen im Geiste der brüderlichen Liebe zusammengefunden. Unermüdlich ermutigt der Dalai Lama buddhistische Gelehrte und Studenten aller vier Richtungen, auch die Aspekte der anderen Traditionen zu studieren, um mehr über deren Sichtweisen zu erfahren und zu lernen, einander zu respektieren und besser zu verstehen. Das ist für die Harmonie der tibetischen Gemeinschaft unerlässlich, besonders in der heutigen Zeit, wo unsere Heimat unter ausländischer Besatzung steht. Deshalb war das Tibet-Institut in Rikon schon immer beispielhaft in seiner Tradition von religiöser Toleranz, die ein unverzichtbarer Bestandteil religiöser Harmonie ist.
Ich werde manchmal gefragt, welche unter den vier Traditionen des tibetischen Buddhismus die beste sei. Einerseits befremdet mich diese Frage, weil sie den Mangel an Verständnis des Buddhismus und besonders des tibetischen Buddhismus aufzeigt. Andererseits liegt es wahrscheinlich in der Natur des Menschen, solche Fragen zu stellen. Da gibt es nichts, was besser ist als das andere. Buddhisten betrachten die heilige Lehre als Medizin. Auf die selbe Weise, wie eine Medizin danach beurteilt wird, wie wirksam sie in einem spezifischen Fall ist, sollte die buddhistische Lehre betrachtet werden: Die Tradition, die zum eigenen Glück beiträgt, ist die beste. Ich erkläre dies gewöhnlich am Beispiel meiner Mutter. Da wir alle eine Mutter haben, müsste dieses Beispiel für jeden verständlich sein. Für mich ist meine Mutter die beste Mutter der Welt. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie die beste Mutter unter allen Müttern ist. Das gilt auch für die eigene Religion oder Tradition. Wenn wir diese Argumentation nachvollziehen können, muss die gleiche Logik auch zur Harmonie zwischen den Religionen und zu gegenseitigem Verständnis führen.
Es ist unumgänglich, alle Traditionen zu respektieren, denn die Lehren stammen schliesslich alle von Buddha selbst. Deshalb ist Respekt für die Harmonie unter den verschiedenen buddhistischen Traditionen und allen Religionen ausserordentlich wichtig. Das grösste Beispiel, dem wir alle folgen können, ist Seine Heiligkeit der Dalai Lama. Er hat der Welt gezeigt, wie wichtig es ist, alle Religionen und Traditionen zu respektieren, weil alle Religionen schliesslich dieselbe Botschaft von Liebe, Toleranz, Vergebung und Harmonie vermitteln. Jede Religion dient ihren Anhängern auf der Suche nach dem Glück.

Die Besinnung auf die Überlieferung
Die westliche Form des Buddhismus tendiert dazu, sich zu sehr auf das Wissen einer einzigen Person zu verlassen. Die Anhänger des Buddhismus sollten ihr Verständnis aber in erster Linie aus den Lehren des Buddha selbst sowie denen seiner Nachfolger – wie Nagarjuna und Asanga – und berühmtesten Anhänger ziehen. Die buddhistische Philosophie ist ein riesiges Gebiet, das durch die «fünf grossen Abhandlungen» abgedeckt wird. Wenn immer möglich müssen die Anhänger des Buddhismus diese Abhandlungen studieren, um die Lehre Buddhas und die buddhistische Praxis zu verstehen. Auch wenn die Lehren von Buddha selbst kamen, gibt es divergierende Interpretationen, in denen sich die Flexibilität des buddhistischen Glaubens zeigt. Die buddhistische Lehre wird am besten durch die Methode der Debatte erlernt, in der die Aussagen mittels Argumentierens und logischen Schliessens hinterfragt werden.
Der Buddhismus verlangt keineswegs, dass dem Buddha ein Kultstatus zugestanden wird. Hingegen bringen die Buddhisten dem Buddha aus Dankbarkeit für dessen wertvolle Lehren, die auf dem Mitgefühl für alle fühlenden Wesen beruhen, einen tiefen Respekt entgegen. Im Buddhismus soll kein Mensch zur Kultfigur erhoben werden. So betont Seine Heiligkeit der Dalai Lama an all seinen Vorträgen überall auf der Welt immer wieder, dass er nicht von irgendwelchen verborgenen Wundern oder Mysterien umgeben, sondern in Wirklichkeit ein einfacher buddhistischer Mönch ist. Er setzt ein Beispiel für alle Buddhisten, bescheiden und anspruchslos statt arrogant und anmassend zu sein.

Die Gefahr von Sektierertum und Missionierung
Während der tibetische Buddhismus in der westlichen Welt allmählich Fuss fasst, habe ich manchmal das Gefühl, dass sich bei manchen westlichen Anhängern sektiererische Züge finden. Möglicherweise werden sie dabei von ihren tibetischen Lehrern ermutigt, die aus engstirnigem Eigennutz ihre Anhängerschaft zusammenzuhalten versuchen. Es kann auch sein, dass westliche Religionen eine Tendenz zum Sektiererischen haben, die die Anhänger auf ihren angenommenen buddhistischen Glauben übertragen. Was auch immer der Grund sein mag, mir scheint, dass eine bedeutende Intoleranz herrscht, was ich sehr bedauerlich finde. Buddhismus im Allgemeinen und besonders der tibetische Buddhismus ist für seine Toleranz bekannt. Alle Anhänger des Buddha sollen sich daran erinnern, dass seine Botschaft Liebe, Toleranz und Mitgefühl ist. Die neuen Anhänger sollen nicht die Intoleranz ihrer eigenen Religion in den Buddhismus einbringen, aber genauso müssen auch die Lehrer, ob westlich oder tibetisch, Neid und Intoleranz überwinden. Sie dürfen den guten Namen des Buddhismus als eine der gütigsten, tolerantesten und friedlichsten Philosophien nicht mit Kleinlichkeit oder Arroganz beschmutzen. Das wird dem Buddhismus nicht dienen und wird diejenigen enttäuschen, die wegen seiner Toleranz und Akzeptanz zum Buddhismus kamen.
Am Geburtsort des Buddhismus nehmen viele untere Kasten der Hindus, bekannt als Harijans, in grossen Scharen den Buddhismus an, wegen seiner Toleranz bezüglich der Kaste, des Glaubens, des Geschlechts oder des sozialen Hintergrunds. Auch in der westlichen Welt sieht man, dass viele Trost im Buddhismus suchen, die sich ihrer eigenen Religion entfremdet haben oder wegen ihres Glaubens oder ihrer sexuellen Neigung verfolgt werden. Der Buddhismus ist ein Hoffnungsschimmer für alle Unterdrückten und Aussenseiter der Gesellschaft. Er ist eine Philosophie, die auf dem Mitgefühl beruht. Und dieses Mitgefühl ist wie ein Magnet, das während der ganzen Geschichte des Buddhismus Tausende angezogen hat. Man kann nur hoffen, dass dieser Geist nicht verloren geht, der, so glaube ich, der Inbegriff dessen ist, wofür der Buddha einstand.
Der Buddhismus zeigte nie missionarischen Eifer. Er ist eine Lebensphilosophie, bei der man sich bemühen muss, zuerst sich selbst zu ändern. Der Buddha stellte eine Regel auf, gemäss der jemand nur unterrichten sollte, wenn er von einem Schüler angefragt wird. Dies zeigt klar, dass das Wichtigste am Buddhismus die Arbeit an sich selbst ist. Erst wenn jemand ein gewisses Stadium der Transformation des Geistes erreicht hat, kann er Anderen wirklich helfen. Wenn jemand dies ohne Berechnung tut, vermag diese Hilfe tatsächlich eine positive Wirkung zu entfalten. Ich spreche von einer Motivation, die einer echten Sorge für Andere entspricht, verbunden mit einem starken Wunsch zu helfen. Im Wesentlichen soll man anderen Wesen helfen, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Der Buddha gab sein luxuriöses Leben auf, um Anderen zu nützen. Er verabschiedete sich von seinem fürstlichen Dasein und wurde ein Asket, um allen fühlenden Wesen bei der Suche nach der Wahrheit zu helfen. Darum soll ein praktizierender Buddhist einzig zum Ziel haben, die Leiden Anderer zu lindern, und nichts sonst.
Es gibt beunruhigende Anzeichen dafür, dass wir diesem Ruf nicht gerecht werden. Einige von uns haben eine missionierende Religion als Hintergrund und tendieren dazu, deren Vorgehensweisen auf den Buddhismus zu übertragen. Wie wir wissen, führt der Versuch, die Überlegenheit einer Religion zu beweisen, häufig zu Konflikten, Blutvergiessen und Aufruhr. Auch der Buddhismus könnte als Werkzeug missbraucht werden, um das Leben der Menschen zu beherrschen und zu kontrollieren. Doch da im Buddhismus das Schwergewicht auf persönlicher Weiterentwicklung und Selbst-Beherrschung liegt, und nicht auf der Konvertierung Anderer, ist dies unzulässig. Die Weitergabe der Lehre muss dem ursprünglichen Wunsch Buddhas und seiner Art der Vermittlung treu bleiben. Andernfalls werden sowohl die Bedeutung des Buddhismus als auch der gute Ruf, den er die ganze Geschichte hindurch genoss, leiden.

Das wachsende Interesse am Buddhismus
Als ich nach einigen Monaten Abwesenheit nach Rikon zurückkehrte, war ich erfreut zu sehen, dass sich allmählich immer mehr Menschen für die Unterweisungen interessierten. Dennoch versuche ich, den Zahlen nicht zu viel Bedeutung beizumessen. Wie gesagt ist es überall auf der Welt für die Zentren schwierig, viele Anhänger zu finden. In der westlichen Welt hat es lange vereinzelt Buddhisten gegeben, aber der Buddhismus als Philosophie für eine breite Öffentlichkeit ist neu. Es ist ein Konzept, dem heute viele Menschen offener gegenüberstehen als vor zwanzig Jahren. Manche sind immer noch skeptisch, viele aber neugierig. Dies dank dem sehr positiven Image des Buddhismus, erzeugt vor allem durch Seine Heiligkeit den Dalai Lama, der zu religiöser Harmonie, gegenseitigem Verständnis und Dialog an Stelle von Gewalt aufruft. Sein eigener Einsatz für ein freies Tibet ist ein strahlendes Beispiel für die Befreiungsbewegungen auf der ganzen Welt, Gewalt zu vermeiden und gewaltlose Methoden anzuwenden.
Der Dalai Lama erhielt 1989 für seinen unermüdlichen Einsatz für die Lösung des Tibet-Problems mit gewaltfreien Mitteln den Friedensnobelpreis. Die Preisverleihung steigerte den Bekanntheitsgrad des buddhistischen Glaubens und hatte weltweit eine grosse Wirkung auf das Bild des Buddhismus als friedfertige und gewaltlose Philosophie. Tausende Menschen aller Religionen versammeln sich seither jedes Jahr, um die Botschaft Seiner Heiligkeit des Dalai Lama zu hören. Durch diese Begegnung mit dem Dalai Lama entdecken viele allmählich den Buddhismus, insbesondere den tibetischen Buddhismus. Der Buddhismus im Westen befindet sich im Anfangsstadium und wird noch viele Jahre für seine Entwicklung brauchen. Aus meiner persönlichen Erfahrung hier im Tibet-Institut – wo die Belehrungen mit einer einzigen Schülerin begannen und allmählich eine respektable Anzahl Interessierter dazukam – bin ich überzeugt, dass der Buddhismus auch im Westen mit der Zeit Wurzeln schlagen wird. Doch es wird sehr lange dauern, bis er in der westlichen Welt einen heiligen Platz als eine der wichtigsten Glaubensrichtungen einnehmen wird.